Kundschafterritt für den 1. Saxonia-Trail

07. 10. 2005 | Steinbach

Kundschafterritt für den 1. Saxonia-Trail
5 Tage auf unbekannten Pfaden durch die Lausitz

Wie jeder von uns wahrscheinlich aus eigenem Erleben weiß, sind Pläne schnell geschmiedet, Träume schnell geträumt, aber wenn es um die Umsetzung in die Tat geht, wird es schon schwieriger.

Seit unserem dreitägigen Distanzritt durch die Vogesen im Mai und die damit verbundene Erfahrung in Bezug auf die Durchführung eines Kartenrittes über mehrere Tage, läßt mir der Gedanke keine Ruhe, einen ähnlichen Ritt in unserer Region zu organisieren. Und da mein Herz ganz besonders an der Lausitz hängt und ich dort noch viele ?Freiräume? für Reiter vermutete, wollte ich nun auf einem ?Kundschafterritt? herausfinden, ob dieser Traum Realität werden könnte.

Ursprünglich sah es so aus, als ob ich mich mit meinem Schimmel ?Don? und Claudias ?Jassir? allein auf den Weg machen müßte, aber dann entschloß sich Rita, mit ihrem ?Glenn? mitzukommen und sich auf den ersten Wanderritt ihres Lebens einzulassen. Da die beiden keine entsprechende Ausrüstung besitzen, wurden Futter, Decken und dergleichen an alle Tagesziele verteilt, einiges doch aufs Pferd geschnallt und am Freitag, den 07. 10. 2005 ritten wir guter Dinge bei mir zu Hause in Steinbach bei Moritzburg los.

Die Wegstrecke hatte ich unter dem Gesichtspunkt herausgesucht, daß der Mehrtagesritt in Beiersdorf bei Claudia (Austragungsort der Saxonia-Distanz) startet, am ersten Tag durch einfaches Gelände bis ans Oberlausitzer Bergland heran, am zweiten Tag über die Höhenzüge direkt und am dritten Tag zum Ausklang wieder aus den Bergen in die Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft hinein führt und in Jänkendorf endet. Gemeinsam mit Rita wollte ich nun die direkte Strecke testen, eventuell nötige Kontrollpunkte erkunden, geeignete Pausenplätze und mögliche Tagesziele besuchen und begutachten, mit den Gastgebern sprechen und dabei einfach noch ein paar schöne Urlaubstage zu Pferd verbringen.

Der Weg führte von Steinbach aus Richtung Radeburg/Boden, durch die ausgedehnte Königsbrücker Heide bis Großnaundorf, Lichtenberg, Großröhrsdorf, auf langen Waldautobahnen durch die Massenei und unser erstes Tagesziel erreichten wir nach 54 Kilometern in Großharthau. Dort hatten wir Quartier für die Pferde in den Stallungen des örtlichen Reitvereins gefunden, spartanisch zwar, aber ausreichend. Allerdings endete dieser erste Tag gleich mit einem Ausfall, denn Glenn litt trotz neuem, extra angepaßten Sattel wieder unter einem deutlich sichtbaren Satteldruck. Somit war der für diesen Ritt geplante Test des Sattels auf Langstreckentauglichkeit leider gleich mit negativem Ergebnis abgeschlossen und guter Rat teuer, wie es am Samstag weitergehen soll. Nachdem Rita ihre Enttäuschung etwas verdaut und eine Nacht über das Problem geschlafen hatte, wollte sie wenigstens weiter mitreiten. So trat Glenn am Morgen mit Rita?s Mann Lars die Heimfahrt an, Rita sattelte Jassir und nach Rücksprache mit Claudia wurde für den abendlichen Treffpunkt in Steinigtwolmsdorf ausgemacht, daß Lars bei Claudia ?Mirok? abholt, denn als ?Teilzeitreiterin? stieß an diesem Abend wie verabredet auch noch Gisi zu uns. Damit waren alle Beiersdorfer Pferde aktiviert und absolvierten die noch zu laufenden Kilometer gemeinsam.

Unser Ritt an diesem Samstag führte uns von Großharthau aus Richtung Lauterbach. Zwischen Rückersdorf und Berthelsdorf tat sich ein ungeahntes Hindernis vor uns auf, denn im Rahmen des Neubaues einer Ortsumgehungsstraße waren gewaltige Erdarbeiten im Gange und die alte Eisenbahnbrücke, die wir nutzen wollten, war gerade keine Brücke mehr. Also kletterten und schlitterten unsere tapferen Pferde aufgeschüttete Wälle hoch und wieder runter, zirkelten sich zwischen schwerer Technik und Baucontainern durch und waren mindestens so froh wie wir, als diese Mondlandschaft samt den Bahngleisen endlich hinter uns lag! Auf der gegenüber liegenden Talseite war bereits unser vereinbarter Treffpunkt mit Anke und Gunther in Sicht. Wir wollten gemeinsam das in Berthelsdorf gelegene Ziel der ersten Etappe anschauen, das Gunther für uns aufgetan hatte.

Es handelt sich dabei um ein abseits des Ortes, ganz verträumt an einem kleinen Steinbruch gelegenes Anwesen, dessen Besitzer nur am Wochenende dort wohnt. Glücklicherweise trafen wir ihn bei unserem Besuch an und konnten alle Fragen und Modalitäten für unseren geplanten Aufenthalt mit ihm besprechen und verfügen nun über einen wunderschönen Platz für die erste Übernachtung auf dem langen Ritt durch die Lausitz.

Von Berthelsdorf aus setzten wir unseren Weg nunmehr in Begleitung von Anke und ihrem ?Pharao? fort. Der genoß es ganz offensichtlich, endlich mal in Begleitung anderer ?Langbeine? so richtig ausgreifen zu können, denn sonst muß er vom Schrittmaß her  immer Rücksicht auf seine Ponybrigade nehmen. Allerdings wurden nach der Ersteigung von Valtenberg, Picho und Dahnerberg alle ruhiger, denn das stetige Bergauf- und ?abklettern war sowohl für unsere Flachländer als auch für den wenig trainierten Pharao ein ganz schöner Kraftakt! Um unser Tagesziel bei Anke in Steinigtwolmsdorf zu erreichen, mußten wir am Picho die geplante Rittstrecke verlassen und erreichten kurz vor Sonnenuntergang die heimatlichen Ställe von Anke. Ich glaube, unsere Pferde waren sehr froh, als sie endlich Sättel und Gepäck los waren und auch wir freuten uns auf eine schöne Dusche! Nach Ankunft von Lars, Gisi und Mirok machten wir uns wie die kleinen Wölfe über die vielen Leckereien vom Grill her und die Pferde holten ohne Blick für ihre Umwelt nach, was sie den ganzen Tag nicht tun konnten-fressen, fressen, fressen...

Der Sonntagmorgen lockte uns wieder mit strahlendem Sonnenschein aus den Betten. Die Pferde hatten gut geschlafen, nur Don machte einen müden Eindruck, hatte ziemlich angelaufene Beine und gefiel mir eigentlich gar nicht. Deshalb war ich froh, daß Anke und ihre Freundin Petra am Abend mit dem Auto zu unserem Tagesziel auf dem Merens-Hof in Sohland am Rotstein kommen wollten und wir ihnen unser Gepäck mitgeben konnten. So mußte nur das Nötigste aufs Pferd gepackt werden und es gab Marscherleichterung, denn Don hatte aufgrund des Gepäcksystems oft das meiste zu tragen. Anke bereitete uns ein gemütliches Frühstück, es wurde noch etwas geschwatzt ? und dabei völlig die Zeit vergessen!! Kurz vor 11 Uhr saßen wir endlich auf den Pferden und trösteten uns damit, daß wir ja ?nur? knappe 50 Kilometer bis zu Simone reiten mußten. Die paar Berge zwischendurch werden schon nicht soooooo schlimm sein...

Also ging es die letzte Wegstrecke vom Vortag wieder retour: rüber zur Weifaer Höhe (504 m), Dahnerberg (490 m) hoch, wieder runter, durch Tautewalde (370 m), hoch auf den Picho. Dort wieder auf die Rittstrecke, rum um den Berg (bei ca. 480 m), runter vom Picho, kurz über den Galgenberg (385 m), runter nach Irgersdorf (ein malerisch-verträumter Ort J! auf ca. 350 m Höhe), wieder reichliche 100 Höhenmeter rauf auf den Mönchswalder Berg, zwischendurch kurzer Tränkstop für die Pferde am Jägerhaus, Abstieg nach Eulowitz auf ca. 280 m, (Nach)Mittagsrast, in halber Höhe um den Hermannsberg, den Czorneboh mit seinen 555 Metern Höhe schon im Blick, aber immer noch auf ca. 340 m Höhe reitend... Wer ist hier eigentlich für die Rittstrecke verantwortlich?! Und wieder schnauften die Pferde fleißig und tapfer den nächsten Anstieg rauf, diesmal bis ca. 50 Höhenmeter unter den Gipfel des Czorneboh. Von dort aus ging es weiter auf dem Kammweg, zwischen Hochstein und Kuppritzer Berg hindurch, auf ziemlich verschlungenen, kaum noch sichtbaren Pfaden, aber wir fanden uns doch nach Jauernick und hatten endlich alle Berge hinter uns! Dort hatten sich die Pferde eine Freßpause mehr als verdient und uns dämmerte (im wahrsten Sinne des Wortes!), daß wir diese Etappe nicht bei Tageslicht schaffen werden. Na davon hatte ich schon immer geträumt: ein Kartenritt bei Nacht in unbekanntem Gelände! Aber egal, Bange machen gilt nicht (sagt Opa immer J) und so ging es weiter, links an Löbau vorbei bis Kittlitz, über die Alte Schanze (dort hat übrigens in dem urigen Gasthaus auch der alte Blücher schon mal übernachtet), durch die Georgewitzer Skala, auf einer laaangen Holzbrücke über?s Löbauer Wasser (Bestandteil der Brückentherapie für Gisi, aber ganz toll gemeistert, zumindest Jassi hatte dabei die Augen auf!) und hinein nach Bellwitz. Und dann ... war es dunkel! Also kurzen Krisengipfel am Telefon mit Simone in Sohland und der Versuch, sich den kürzesten Weg zum Hof erklären zu lassen. Aber es ist immer schwierig, als Ortskundiger so eine Beschreibung abzugeben, daß es der Ortsunkundige versteht und dann noch bei völliger Dunkelheit findet. Da hilft nur emotionsloses Denken, gutes Kartelesen und ein Eulenblick. Zum Glück waren wir ja bereits im offenen Gelände unterwegs, hatten mit der B6, Zuggleisen, dem Rotstein und Dolgowitz als Ort gute Orientierungshilfen und erreichten weit vor der erwarteten Zeit das Ziel. Lediglich die letzte Kuhkoppel war plötzlich auf der falschen Seite von uns, ein Meer von Findlingen lag im Weg, aber auch das Problem wurde erfolgreich gemeistert und zur Belohnung leuchteten uns Petra und Lars endlich mit ihren Suchscheinwerfern in unsere Gesichter... Ach, was waren wir froh,  endlich angekommen zu sein, erwartet von so vielen lieben Menschen, die uns gleich hilfreich bei der Versorgung und Unterbringung der Pferde halfen und dann gab es die langersehnte Pizza! Entgegen Gisi?s Überzeugung gab es nämlich nicht die allerklitzekleinste Möglichkeit, am Wegesrand irgendetwas Essbares zu finden (Fliegenpilze ausgenommen). Bloß gut, daß wir so ausgiebig gefrühstückt hatten...

Netterweise verschonte uns Gisi in dieser Nacht auch mit ihren Atemgeräuschen, sodaß wir alle tief und fest wie junge Hunde geschlafen haben. Auch die Pferde machten in ihren Offenställen einen erholten Eindruck und schienen schon wieder zu neuen Taten bereit zu sein. Diesmal faßten wir das Frühstück etwas kürzer, aber nicht weniger gemütlich. Simone begleitete uns auf dem ersten Wegstück mit zwei ihrer Merens-Pferde. Allerdings ging es gleich mit zugekoppelten Wegen los, sodaß wir am Feldrand langreiten mußten, um in unsere Richtung zu kommen. Natürlich waren dort auch gerade zu dem Zeitpunkt die Bauern aktiv, aber wir hoffen, daß Simone die Situation aufklären konnte und es keinen weiteren Ärger gab. Insgesamt waren an dem Tag nur die 30 Kilometer der letzten Rittetappe zu testen, aber wir machten hinter Thiemendorf noch einen kleinen Abstecher zum Schoorstein, überquerten erst dann die Königshainer Berge und den darin verlaufenden Autobahntunnel und erlebten die Ullersdorfer Fischteiche bei herrlichster Sonnenuntergangsstimmung. Wir konnten sogar einen Fischadler beobachten, der sich gerade sein Abendbrot aus dem Teich fing. Da wir recht ruhig unterwegs waren und noch die kleinen Abstecher gemacht haben, waren wir auch an diesem Tag erst gegen 18.30 Uhr am Ziel, diesmal auf der Riverside-Meadow-Ranch von Gina in Jänkendorf. Dort wurde Gisi bereits von Micha erwartet und für sie waren damit die zwei Tage Begleitritt leider beendet.

Jassi, Mirok und Don verbrachten die Nacht warm eingepackt in Thermodecken auf den herbstnebelfeuchten Wiesen von Gina, Rita und ich unter kuschligen Decken im Gästehaus auf der Ranch. Am Dienstagmorgen hieß es früh aufstehen, denn die Tagesstrecke nach Bornitz zu Rita und Lars war nochmal knappe 50 km lang. Wir wollten nicht so spät dort eintreffen, denn Lars hatte sich angeboten, Jassi, Don und mich abends noch nach Hause zu fahren. Mirok durfte noch eine Nacht bleiben und trat dann am Mittwoch die Heimreise an.

Rita und ich hatten uns mit Blick auf ein zügiges Reittempo dafür entschieden, lieber ein paar Kilometer mehr und dafür durch die Wälder zu reiten und nicht jedes Dorf zu durchqueren. Weil ohnehin noch Sachen in Jänkendorf abzuholen waren, ließen wir allen unnötigen Ballast zurück und so kam Don in den Genuß, als Handpferd ohne Sattel und Gepäck die letzte Etappe zu laufen. Er fand das toll! Naja, unsere Idee mit den langen Geraden durch die Wälder war eigentlich auch nicht schlecht, aber teilweise waren die Wege sehr geschottert und wenn man dann mal so richtig die Pferde traben lassen konnte, durfte man aber auch die Karte nicht aus den Augen lassen. So geschehen irgendwo im Busch und dann die Frage: ?Wo bin ich, wo muß ich hin?? Glücklicherweise gab es Pilzsucher, die uns zumindest den ersten Teil der Frage beantworten konnten! Den nächsten Zeitverzug handelten wir uns bei der beabsichtigten Querung der Spree ein. Es sollte da eine Furt geben... Die gab es auch, zumindest ging der Weg bis ans Wasser und auf der anderen Seite weiter. Aber dazwischen brodelte die Spree als kleiner, reißender Fluß über Stromschnellen und das war uns dann doch zu riskant. Also alles wieder zurück und doch durch Halbenstadt! Immerhin brachte uns der Umweg ein Eis vom Eismann und den Pferden das dringend nötige Tränkwasser ein, zur Verfügung gestellt von ein paar netten, älteren Leuten, die gerade Hof- und Gartenarbeit machten. Der letze Streckenabschnitt zog sich ab Großdubrau doch noch ganz schön in die Länge und wir merkten, daß dann nach 5 Tagen mit solcher Beanspruchung bei den Pferden und auch bei uns erstmal die Luft raus war.

Da war es dann der liebevolle Empfang von Lars, der fürstlich gedeckte Kaffeetisch unter den letzten Sonnenstrahlen des Tages und die schöne Koppel für die Pferde, der alle die Strapazen der zurückliegenden Kilometer vergessen ließ.

Wir sind in diesen 5 Tagen 226 Kilometer geritten und haben Höhenmeter überwunden, die ich lieber nicht zusammenrechne. Alle Pferde, auch Glenn!!, haben sich ganz tapfer geschlagen. Es war wieder deutlich zu merken, daß so ein Wanderritt eine andere Beanspruchung und Belastung für Pferd und Reiter darstellt als der tägliche Ritt zu Hause. Mensch und Tier müssen sich erst darauf einstellen und die Tagesform ist sehr stark von dieser Umstellung auf den grundlegend veränderten Tagesrhythmus abhängig. Deshalb halte ich einen Mehrtagesritt, egal ob unter Distanz- oder Wanderreitbedingungen, für die Leistungsprüfung schlechthin.

Faszinierend für mich selbst ist einmal mehr die Erkenntnis, wie bereitwillig und mühelos man sich diesem veränderten Rhythmus anpaßt, den das Erlebnis mit dem Pferd in der Natur vorgibt und wie schnell all die Dinge bedeutungslos werden, die sonst unseren Alltag dominieren. Ich glaube, es gibt kaum eine schönere und effektivere Art, zu seinem Pferd und mit Sicherheit auch ein Stück zu sich selbst zu finden.

Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die während dieser 5 Tage mit mir geritten sind, die sich von dem Pfadfindergedanken anstecken ließen, körperlich und geistig dabei waren, diesen Ritt und das Vorhaben ?Saxonia-Trail? mit Ideen und Vorschlägen unterstützt haben und somit dazu beitragen, daß ein weiterer Distanzritt in Sachsen zum Leben erweckt wird. Ein besonderes Dankeschön an Rita, die trotz erschwerter Bedingungen und Ausfall des eigenen Pferdes nicht aufgegeben hat und an Lars, der mit seinen ?Fahr-, Hol- und Bringediensten? an Mensch, Tier und Material der gute Geist des Unternehmens war. Ebenso herzlich Dank an Claudia, die ihre Pferde zur Verfügung stellte und natürlich alle unsere Gastgeber. Wir haben uns mehr als Freunde als als Gäste gefühlt und das sagt wohl alles über die liebevolle Herzlichkeit, mit der Mensch und Tier willkommen waren.


   Unterwegs...
   Ohne Grenzen, ohne jede Eile.
   Neugierig auf den nächsten Tag,
   den nächsten Ort, die nächste Begegnung.
   Woher der Wind auch weht,
   die Segel sind gesetzt.

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